Lieder können verbinden

Wie das Singen im Gottesdienst zum Gespräch mit sich selbst und Gott einladen kann.
Von Heike Weidner

Wenn mich jemand fragen würde, was für mich das Wichtigste im Gottesdienst ist, so ist meine Antwort eindeutig: das Singen. Anders als das gemeinsame Sprechen von Psalmen und Gebeten verbinden mich Lieder mit der Gemeinde in der Ansprache zu Gott. Anders als beim gemeinsamen Sprechen, bei dem die Worte zum Teil nachhallen, weil doch nicht alle das gleiche Tempo des Sprechens finden, führen Lieder die verschiedenen Stimmen in einem Rhythmus zur Ehre des Einen zusammen. Sie leiten Gefühle und Gedanken zu der einen Tür.

Die Geschichte meiner Glaubenserfahrung ist eine Kette von Liedern. In der Grundschule erzählten mir die Adventslieder von der Geburt dieses Jesus-Kindes und dem Wunder der frohen Botschaft, von Engeln, die sich nicht fürchten und Hirten, die zu dem Kind kamen. Sie legten die gute Kunde in meine Seele, dass dieses Kind mit seinem Segen einkehrt in jedes Haus und auf allen Wegen mit uns ein- und ausgeht.

In der dritten Klasse am Reformationstag ist die Erinnerung an meinen ersten Gottesdienst, den ich besucht habe, unumstößlich verbunden mit dem Danke für diesen guten Morgen.

Die Reformbewegung der 70er Jahre brachte neue Lieder in unser Gesangbuch, unter ihnen neben dem bereits erwähnten Danke auch Spirituals und Gospels wie We shall overcome und das Schalom chaverim. 1979 sorgte die erste Beatmessse mit Band-Musik in der Johanneskirche für einen sehr gut besuchten Gottesdienst.

In dieser Zeit machte ich Bekanntschaft mit der Liturgie von Taizé, die neben der zentralen Stille geprägt wird von den gregorianisch anmutenden Chorälen, die wie ein Mantra meditativ immer wiederholt werden. Lateinische, französische, englische und deutsche Texte geben die internationale, weltumspannende Orientierung der ökumenischen Ordensgemeinschaft in Frankreich wieder, von der aus diese Lieder vor allem über junge Menschen in die Gemeinden in alle Welt getragen wurden.

Auch in die Liturgie der Gemeinde Köln-Klettenberg haben diese Gesänge Eingang gefunden. Das Lobsingt ihr Völker alle der neuen Liturgie stammt zum Beispiel aus der Feder des Taizé-Bruders Jacques Berthier.

Nach einem Adventsgottesdienst in der Johanneskirche hörte ich, wie mehrere Besucher/innen sich bei dem jungen Organisten bedankten. Er hatte mit einem flotten Schwung die Gesangslieder begleitet. Auch aus einer anderen Gemeinde in Köln kenne ich über viele Jahre die temporeichere Version von Kirchenliedern. Es macht einen Unterschied, ob Die güldene Sonne – voll Freud’ und Wonne getragen-langsam oder freudig-schneller gesungen werden darf. Mein Eindruck: Es gibt ein Verlangen nach munterer Musik im Gottesdienst, bei dem das Gloria und das Halleluja die Freude hinaus singen, anstatt wie ein Trauerweinen zu klingen.

Wenn ich meine Töchter im Teenageralter frage, welche Lieder aus Gottesdiensten ihnen als erste in den Sinn kommen, dann erhalte ich Laudato si als Antwort. Wieder ein schwungvoller Song.
Von daher wage ich zu behaupten, dass eine temporeichere Musik eventuell mehr Menschen in die Gottesdienste ziehen würde.

Die gut besuchten besonderen Gottesdienste geben darauf zumindest einen Hinweis.

Hinter den Links auf den Liedtexten finden Sie Hörproben der besonderen Art. Kennen Sie das "Danke für diesen guten Morgen" gecovert von den Ärzten? Viel Spaß beim Hören.